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«Im Botanischen Garten tickt die Uhr langsamer»

Seit 30 Jahren leitet Martin Salm den Botanischen Garten Grüningen. Gemeinsam mit seinem Team prägt er die grüne Oase und drückt ihr seinen eigenen Stempel auf.

Martin Salm sorgt dafür, dass auch die nächsten Generationen den Botanischen Garten Grüningen geniessen können.

Woher kommt Ihre Liebe zur Natur?
Martin Salm: Meine Eltern stammen beide aus Bauernfamilien. Schon als kleiner Bub war ich deshalb ständig auf dem Bauernhof und genoss es, draussen zu sein. Sie haben mir zudem wichtige Werte wie die Achtung von der Natur mitgegeben.

Wann haben Sie zum ersten Mal in diesem Bereich gearbeitet?
Tatsächlich habe ich bereits als Primarschüler damit begonnen, Zierkürbisse zu züchten. Ich erinnere mich, wie ich zum lokalen Floristen ging und fragte, ob sie mir meine Bischofsmützen abkaufen möchten. Tatsächlich bekam ich ganze CHF 1.50 pro Kürbis. Ich war mächtig stolz. Die Floristin verkaufte sie dann für vier Franken weiter. Ich hab mich trotzdem gefreut.  

Was schätzen Sie an Ihrem Beruf besonders?
Die Jahreszeiten. Im Winter schläft die Natur, im Frühling erwacht sie allmählich, im Sommer ist alles grün und im Herbst werden die Früchte geerntet. Dieser Zyklus fasziniert mich immer wieder aufs Neue. Gleichzeitig ist es aber auch sehr schön, jeden Abend zu sehen, was man tagsüber geleistet hat. Und selbstverständlich die Möglichkeit, in der Natur draussen zu sein.

Sitzen Sie als Leiter des Botanischen Gartens nicht häufig im Büro? 
Tatsächlich hat die Büroarbeit in den letzten Jahren massiv zugenommen und nimmt mittlerweile fast die Hälfte meines Pensums ein. Die übrige Zeit bin ich aber weiterhin draussen und arbeite mit meinen Händen. Körperliche Betätigung ist für mich extrem wichtig. Ich will nicht die ganze Zeit drinnen vor dem Computer sitzen.

Als Leiter entscheiden Sie auch, was neu in den Garten darf, richtig?
Ja, das ist eines der Privilegien als Leiter des Botanischen Gartens Grüningen. Ich darf den Garten prägen und ihm meinen Stempel aufdrücken.

«Die Natur wirkt entschleunidgend», diese Botschaft will Gartenleiter Martin Salm den Besucherinnen und Besuchern mitgeben.

Welcher Stempel ist das? 
Mir ist es wichtig, das zu erhalten, was bereits da ist, die Gehölze zu pflegen und sie bei Bedarf zu ersetzen. Vor einigen Jahren hatten wir grosse Schwierigkeiten mit dem Borkenkäfer. Wir verloren viele Bäume und mussten sie neu pflanzen. Aber auch das gehört dazu. Es ist Teil des natürlichen Kreislaufs. Ich sehe es zudem als meine Aufgabe, den Leuten auch seltene Dinge zu präsentieren, die man nicht überall sieht. 

Von welchen Pflanzen sprechen Sie konkret?
Ich denke da zum Beispiel an den Amberbaum aus Taiwan oder Sumpfzypressen, die ebenfalls eher selten sind. Wir haben hier natürlich auch bekanntere Baumarten wie einen Ahorn. Unserer hat aber besonders grosse Blätter. So können wir das Unbekannte im Bekannten zeigen und den Besucherinnen und Besuchern neue nicht-alltägliche Pflanzen präsentieren.

Gibt es einen Pflanzenwunsch, den Sie sich gerne noch erfüllen würden?
Mich reizt häufig das, was aus klimatischen Gründen hier gar nicht wachsen würde. Ich kann Ihnen aber sagen, was ich nie anpflanzen würde. Der Feuerdorn hat eine sehr grosse Anzahl riesiger, spitziger Dornen. Da wähle ich lieber Pflanzen aus, bei denen mir nach einem Arbeitstag nicht die Hände bluten.

Wie kommt der Botanische Garten Grüningen zu neuen Exponaten?
Wir tauschen Samen mit anderen Botanischen Gärten aus. Dafür fertigen wir und auch viele andere Gärten einen Samenkatalog an, aus dem man aussuchen kann. Es ist allerdings gar nicht immer so einfach, an die Wunschsamen heranzukommen. Aber wir haben ja Zeit. Klappts in diesem Jahr nicht, klappts vielleicht im nächsten oder in fünf Jahren.

Zeit hat im Botanischen Garten eine andere Bedeutung.
Ja, absolut. Wenn wir hier etwas planen, denken wir in Horizonten von 10, 50, 100 Jahren. Die Natur hat ihre eigene Zeitrechnung, man kann nichts forcieren. Deshalb wirkt die Natur auch sehr entschleunigend. Diese Botschaft versuche ich während unseren Gartenführungen auch an die Besucherinnen und Besucher weiterzugeben.

Das muss für Sie ein ziemlicher Kontrast zur Welt ausserhalb des Gartens sein?
Absolut. In der Welt da draussen ist alles sehr hektisch geworden. Hier im Botanischen Garten Grüningen tickt die Uhr langsamer. Das heisst allerdings nicht, dass es nie stressig wird. Insbesondere vor der Garteneröffnung im April ist jeweils viel los. Da müssen wir auch einmal Überstunden leisten, um alles rechtzeitig zu schaffen.

Was macht den Botanischen Garten Grüningen einzigartig?
Die grosse Anzahl an Gehölzen. Bei uns ist es im Sommer deshalb immer schön kühl. Das schätzen viele unserer Gäste und planen deshalb einen erholsamen Tagesausflug zu uns in den Garten.

Sie pflanzen Bäume an, die noch lange nach Ihrer Zeit Schatten spenden werden. Macht Sie das ehrfürchtig?
Ja, absolut. Man pflanzt einen Baum, hofft, dass er 50 Meter hoch wird, aber weiss gleichzeitig, dass das erst in 20, 50 oder 100 Jahren der Fall sein wird. Das gibt eine andere Perspektive auf das eigene Schaffen und Sein.