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Bestäuber brauchen mehr als Blüten

Hummeln, Wildbienen, Schwebfliegen oder Schmetterlinge: Bestäubung entsteht durch das Zusammenspiel vieler unterschiedlicher Arten. Damit dieses System funktioniert, brauchen Bestäuber weit mehr als blühende Pflanzen.

Ohne Bestäuber keine Vielfalt. (Illustration: Karin Widmer)

Ein blühender Garten wirkt auf den ersten Blick lebendig. Zwischen Farben, Düften und summenden Insekten entsteht schnell der Eindruck eines funktionierenden Naturraums. Ob ein Garten jedoch tatsächlich ein stabiler Lebensraum für Bestäuber ist, entscheidet sich nicht allein an seiner Blütenfülle. Ebenso wichtig sind geeignete Nistplätze, Rückzugsräume und vielfältige Lebensräume.

Bestäubung gehört zu den relevanten ökologischen Prozessen landbasierter Ökosysteme. So zeigte eine internationale Übersichtsarbeit deutscher Agrarökologen, dass rund drei Viertel der weltweit wichtigsten Kulturpflanzen zumindest teilweise in Ertrag, Qualität oder Fruchtbildung von tierischer Bestäubung profitieren. Die Bedeutung der Bestäubung reicht jedoch weit über die Landwirtschaft hinaus. Viele Wildpflanzen sind auf tierische Bestäubung angewiesen, um sich erfolgreich fortzupflanzen. Sie bilden wiederum Nahrung und Lebensraum für zahlreiche weitere Tierarten und tragen so zur biologischen Vielfalt vieler Ökosysteme bei.

Vielfalt der Bestäuber

Die verbreitete Vorstellung, Bestäubung sei primär eine Leistung der Honigbiene, greift dabei viel zu kurz. Denn neben Bienen übernehmen auch Schwebfliegen, Käfer, Wespen und Schmetterlinge essenzielle Funktionen bei der Pollenübertragung. Tatsächlich entfallen gemäss der Interessengemeinschaft Wildbiene je nach Lebensraum zwischen 25 und 50 Prozent aller Blütenbesuche auf Schwebfliegen, Käfer, Wespen, Schmetterlinge und weitere Bestäuber, die nicht zu den Bienen gehören. Diese Bestäubergruppen unterscheiden sich stark in Körperbau und Verhalten. Dadurch erreichen sie unterschiedliche Blütenformen, sind zu anderen Tageszeiten aktiv oder fliegen bei wechselnden Temperaturen.

  • Die Dunkle Erdhummel (Bombus terrestris) etwa ist eine Generalistin unter den Bestäubern und besucht zahlreiche Pflanzenarten. Besonders bemerkenswert ist ihre Fähigkeit zur Vibrationsbestäubung: Durch gezielte Muskelvibrationen löst sie Pollen aus Blüten, die für andere Arten schwer zugänglich sind. Diese Technik nutzt sie unter anderem bei Nachtschattengewächsen.
  • Die Natternkopf-Mauerbiene (Hoplitis adunca) sammelt hingegen ausschliesslich Pollen an Natternköpfen (Echium). Die Versorgung ihrer Brut ist damit eng an das Vorkommen dieser Pflanzen gebunden. Diese oligolektischen Wildbienenarten gelten als besonders effiziente Pollenüberträger, reagieren jedoch empfindlich auf Veränderungen ihres Lebensraums.
  • Der Distelfalter (Vanessa cardui) wiederum zählt zu den Wanderfaltern und kann mithilfe günstiger Luftströmungen weite Distanzen zurücklegen. Mit seinem langen Saugrüssel erreicht er tief liegende Nektarquellen und bestäubt bevorzugt Korbblütler wie Disteln. Dadurch verbindet er auch räumlich voneinander getrennte Pflanzenbestände.
  • Der Gebänderte Pinselkäfer (Trichius fasciatus) besucht hingegen vor allem offene Blüten von Rosen, Doldenblütlern oder Disteln. Durch seine dichte Körperbehaarung bleibt besonders viel Pollen haften. Seine Larven entwickeln sich über mehrere Jahre in morschem Totholz, weshalb die Art zugleich auf blütenreiche Säume und strukturreiche Lebensräume angewiesen ist.
Am Körper des Gebänderten Pinselkäfers (Trichius Fasciatus) bleiben besonders viele Pollen haften. (Bild: iStock)

Zusammenspiel von Bestäubern ist essenziell

Gerade weil verschiedene Bestäubergruppen unterschiedliche Blüten besuchen, bei verschiedenen Temperaturen aktiv sind oder Pollen auf unterschiedliche Weise übertragen, ist ihr Zusammenspiel entscheidend. 

Untersuchungen von Agroscope, dem landwirtschaftlichen Forschungszentrum des Bundes, zur Bestäubung Schweizer Kulturpflanzen verdeutlichen dies. In Apfelanlagen dominieren häufig Honigbienen, die durchschnittlich etwa die Hälfte aller Blütenbesuche ausmachen. Bei Kirschen und Himbeeren hingegen spielen verschiedene Wildbienengruppen wie Sandbienen oder Hummeln eine zentrale Rolle. Die Untersuchungen zeigen, dass eine vielfältige Bestäubergemeinschaft für eine zuverlässige Bestäubung entscheidend ist.

Entscheidend ist dabei nicht nur die Anzahl der Blütenbesuche, sondern auch die Zusammensetzung der Bestäubergemeinschaft. In den Untersuchungen erzielten Kirschanlagen höhere Erträge, wenn eine hohe Anzahl verschiedener Wildbienengruppen vorhanden war. Die Forschenden erklären dies damit, dass die Bestäuber gemeinsam unterschiedliche Temperaturnischen abdecken. Während Honigbienen bei kühler Witterung weniger aktiv sind, bleiben Hummeln und andere Wildbienenarten weiterhin unterwegs. Dadurch kann die Bestäubung auch unter wechselnden Wetterbedingungen aufrechterhalten werden.

Ähnliche Muster zeigen sich auch international. Eine im Fachmagazin Science veröffentlichte Studie untersuchte 41 Kulturpflanzensysteme auf allen Kontinenten ausser der Antarktis und wertete Daten von 600 landwirtschaftlichen Flächen aus. Dabei verbesserten wildlebende Insektenbestäuber den Fruchtansatz in allen untersuchten Kulturen. Besonders wichtig war nicht eine einzelne dominante Art, sondern die Vielfalt unterschiedlicher Bestäuber. Die Studie zeigt zudem, dass Honigbienen die Leistungen wildlebender Bestäuber ergänzen, aber nicht ersetzen können.

Eine diverse Zusammensetzung der Bestäubergemeinschaft ist essenziell. (Illustration: Karin Widmer)

Wenn Lebensräume auseinanderfallen

Bei Bestäubern fällt häufig zuerst auf, welche Blüten sie besuchen. Weniger sichtbar ist, dass viele Arten während ihres Lebens auf unterschiedliche Lebensräume angewiesen sind. Schwebfliegen etwa besuchen als erwachsene Tiere Blüten, während sich ihre Larven in Blattlauskolonien, feuchtem Pflanzenmaterial oder morschem Holz entwickeln. Solche kleinräumigen Strukturen übernehmen wichtige Funktionen für Entwicklung, Fortpflanzung und Rückzug vieler Arten.

Für eine zuverlässige Bestäubung ist auch die räumliche Anordnung von Lebensräumen entscheidend. Viele Bestäuber sind darauf angewiesen, dass Nahrungspflanzen, Nistplätze und Entwicklungsräume nahe beieinander liegen. Fehlen solche Kleinstrukturen oder sind sie zu weit auseinander, werden Blüten seltener besucht und Pflanzen weniger zuverlässig bestäubt. 

Insbesondere spezialisierte Arten mit kleinen Aktionsradien reagieren empfindlich darauf, wenn Nahrungspflanzen, Nistplätze und Entwicklungsräume räumlich voneinander getrennt werden. Schon Distanzen von wenigen hundert Metern zwischen Nahrungspflanzen und geeigneten Nistplätzen können gemäss Angaben der Akademien der Wissenschaften Schweiz dazu führen, dass Bestäuber deutlich seltener auftreten.

Habitatverlust, intensive Landwirtschaft, Pestizide, Nahrungsknappheit, Krankheitserreger und klimatische Veränderungen machen den Bestäubern das Leben schwer. Der Weltbiodiversitätsrat IPBES nennt den Verlust vielfältiger und naturnaher Lebensräume als eine der wichtigsten Ursachen ihres Rückgangs.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt Agroscope für die Schweiz: Wo strukturreiche Landschaftselemente wie Hecken, offene Bodenstellen oder Totholzstrukturen fehlen, treten häufiger Bestäubungsdefizite auf. Entsprechend gelten gemäss Bundesamt für Umwelt auch in der Schweiz rund 45 Prozent der 600 Wildbienenarten als gefährdet.