Was der Wald mit Körper und Geist macht
Wälder sind mehr als nur malerische Kulissen. Sie wirken auf unsere Aufmerksamkeit, unser Stressempfinden und verändern sogar messbar Prozesse im Körper. Forschende aus unterschiedlichen Fachdisziplinen zeigen zunehmend, weshalb Aufenthalte im Grünen so wohltuend wirken können.

Wer einen Wald betritt, stellt oft schon nach wenigen Minuten eine Veränderung fest. Die Geräusche werden leiser, der Blick weitet sich, der Atem wird ruhiger. Was viele intuitiv als Erholung empfinden, lässt sich inzwischen wissenschaftlich belegen. Der Wald spricht nicht nur unsere Sinne an, sondern beeinflusst auch Abläufe im Gehirn, im Nervensystem und im Hormonhaushalt.
Gerade in einer Zeit, die von Termindruck, langer Bildschirmzeit und ständiger Erreichbarkeit geprägt ist, wächst das Interesse an Naturerfahrungen wieder. Angebote wie das Waldbaden haben deshalb in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Sie greifen ein Bedürfnis auf, das im Alltag oft zu kurz kommt: Natur bewusst als Ausgleich zu erleben.
DerWald als Gegenpol zur städtischen Überlastung
Wie schnell Naturerfahrungen auf uns wirken können, verdeutlicht eine deutsche Studie. Ein Team von Umweltneurowissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung untersuchte 63 gesunde Probandinnen und Probanden vor und nach einem einstündigen Spaziergang im Wald beziehungsweise auf einer verkehrsreichen Einkaufsstrasse in Berlin. Mithilfe funktioneller Magnetresonanztomografie beobachteten die Forschenden, wie sich die Hirnaktivität in Regionen veränderte, die an der Stressverarbeitung beteiligt sind.
Das Ergebnis war eindeutig: Nach einem Spaziergang in der Natur nahm die Aktivität in der Amygdala ab. Diese Gehirnregion spielt eine zentrale Rolle bei der Verarbeitung von Stress. Nach einem Stadtspaziergang blieb die Aktivität hingegen stabil. Dieser Befund deutet darauf hin, dass nicht nur Menschen, die dauerhaft naturnah leben, von der Natur profitieren könnten, sondern bereits ein kurzer Aufenthalt im Grünen messbare Effekte im Gehirn auslösen kann.
Dass dieser Zusammenhang relevant ist, überrascht nicht. Das Leben in Städten gilt in der Forschung seit Längerem als Risikofaktor für psychische Belastungen. Der Berliner Psychiater Mazda Adli hat gemeinsam mit anderen Forschenden in einer im «Scientific Reports» veröffentlichten Studie Hinweise darauf gefunden, dass das Wohnumfeld mit der Stressverarbeitung im Gehirn zusammenhängt.
Für die Untersuchung verknüpfte das Forschungsteam Hirnscans von Probanden mit Daten zu Grünflächen, Luftverschmutzung und Lärmbelastung im Wohnumfeld. Dabei zeigte sich: Ein höherer Anteil an Grünflächen im weiteren Wohnumfeld war unter sozialem Stress mit einer stärkeren Aktivierung bestimmter Hirnregionen verbunden, die unter anderem an der Emotionsregulation und Stressverarbeitung beteiligt sind.
Entscheidend ist dabei offenbar nicht nur der Ausflug ins Grüne, sondern auch die Natur, die Menschen im Alltag beiläufig wahrnehmen. Eine ebenfalls im «Scientific Reports» veröffentlichte Studie deutscher Forschender zeigt, dass bereits die alltägliche Natur im Wohnumfeld eine Rolle spielen könnte. Analysiert wurden Daten von knapp 10’000 Erwachsenen in Leipzig. Dabei zeigte sich, dass eine höhere Dichte von Strassenbäumen innerhalb von 100 Metern rund um den Wohnort mit weniger Antidepressiva-Verschreibungen zusammenhing.
Weniger Stress, niedrigerer Blutdruck, mehr Regeneration
Neben Erkenntnissen aus der Hirnforschung liegen inzwischen auch zahlreiche Studien zu den physiologischen Effekten von Waldaufenthalten vor. Eine Übersichtsarbeit von Forschenden der Technischen Universität München und der Ludwig-Maximilians-Universität München fasst zusammen, dass Aufenthalte im Wald im Vergleich zu urbanen Umgebungen häufig mit einer Senkung von Blutdruck und Puls, einer erhöhten Herzratenvariabilität sowie einer niedrigeren Konzentration von Stresshormonen wie Cortisol und Adrenalin verbunden sind.
Insbesondere japanische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben diese Zusammenhänge in den vergangenen Jahren intensiv untersucht. So zeigte ein Forschungsteam beispielsweise, dass ein Waldspaziergang bei jungen Männern messbare Entspannungsreaktionen im Herz-Kreislauf-System auslösen kann.
Während des Aufenthalts im Wald war der Körper stärker im Erholungsmodus und weniger stark in Alarmbereitschaft. Fachleute erklären dieses Zusammenspiel anhand zweier Teile des autonomen Nervensystems: Der Parasympathikus, der die Regeneration unterstützt, wurde aktiver, während der Sympathikus, der bei Stress den Körper mobilisiert, weniger aktiv war. Auch psychologisch zeigten sich klare Effekte: Die Teilnehmenden berichteten nach dem Waldspaziergang über weniger Angst und weniger negative Stimmung.

Warum Natur den Geist entlastet
Der Umweltpsychologe Stephen Kaplan von der US-amerikanischen Universität Michigan erklärt diese Wirkung mit der sogenannten Aufmerksamkeitsrestaurationstheorie. Diese besagt, dass natürliche Umgebungen unsere Aufmerksamkeit auf eine sanfte Weise binden, ohne sie zu überfordern.
Während städtische Räume durch Verkehr, Lärm, zahlreiche Reize und ständige Entscheidungen oft eine permanente Konzentration verlangen, ermöglicht die Natur eine andere Wahrnehmungsform. Der Blick folgt Blättern, Licht, Wasser oder Landschaften, ohne ständig reagieren zu müssen. Genau darin könnte ein Teil der regenerativen Wirkung der Natur liegen.
Die Forschung deutet zudem darauf hin, dass Aufenthalte im Wald auch das Immunsystem beeinflussen können. Besonders im Fokus stehen sogenannte natürliche Killerzellen. Diese Immunzellen erkennen und bekämpfen virusbefallene Zellen sowie Tumorzellen. Der japanische Immunologe Qing Li konnte in mehreren Studien zeigen, dass sich ihre Aktivität nach Aufenthalten im Wald erhöhen kann.
Als mögliche Erklärung diskutieren Forschende sogenannte Phytonzide. Dabei handelt es sich um flüchtige Pflanzenstoffe, die Bäume und andere Pflanzen an die Luft abgeben. Wissenschaftler konnten in Laboruntersuchungen zeigen, dass solche pflanzlichen Duftstoffe die Aktivität menschlicher natürlicher Killerzellen steigern und zugleich Proteine fördern, die für deren Abwehrfunktion wichtig sind. Wie stark dieser Mechanismus während eines Aufenthalts im Wald tatsächlich wirkt, ist jedoch noch nicht abschliessend geklärt.
Mehr als Naturkonsum
Doch die Forschung ging noch weiter und analysierte auch die Beziehung zwischen Mensch und Natur. US-amerikanische Biologin Kelly Baldwin Heid hat dazu im deutschen Freiburg Menschen befragt, die sich um Baumscheiben vor ihrer Haustür kümmern. Die häufigsten Motive waren der Wunsch, der Umwelt und dem Wohnquartier etwas Gutes zu tun und mit gutem Beispiel voranzugehen.
Viele Befragte beschrieben die betreute Baumscheibe als eine Art persönlichen Garten im öffentlichen Raum. Daraus entstanden nicht nur Sinn, Stolz und eine stärkere Verbundenheit mit der Natur, sondern auch ein ausgeprägteres Zugehörigkeitsgefühl zum Quartier. Mehr als die Hälfte der Befragten gab zudem an, dass ihnen diese Pflege psychisch guttut. Heids Studie verdeutlicht somit: Wer sich aktiv um Grünräume kümmert, erlebt die Natur nicht nur als Kulisse, sondern als Beziehung und profitiert davon.
Natur ist demnach nicht nur ein Ort, an dem man sich besser fühlt oder Stress abbauen kann, sondern auch ein Raum, in dem Aufmerksamkeit, Fürsorge und Beziehung zu Pflanzen, zu Tieren, zur Umgebung und möglicherweise auch zu sich selbst entstehen.