Welche Rolle Bäume im urbanen Ökosystem spielen
Stadtbäume erfüllen eine Vielzahl von Funktionen. Sie regulieren Temperaturen, reinigen die Luft und fördern die Biodiversität. Gleichzeitig sind ihre Lebensbedingungen im urbanen Raum zunehmend erschwert.

An heissen Sommertagen wird der Unterschied besonders spürbar. Neben dem aufgeheizten Asphalt steht ein alter Baum, sein Kronendach wirft Schatten, die Luft darunter fühlt sich deutlich kühler an.
Städte heizen sich stärker auf als ihr Umland. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von urbanen Wärmeinseln. Ein zentraler Grund dafür ist der hohe Versiegelungsgrad in Städten: Strassen, Plätze, Gebäude und unterirdische Infrastrukturen lassen kaum Wasser versickern und speichern so Wärme. Internationale Studien zeigen, dass Städte mit über einer Million Einwohnerinnen und Einwohnern deshalb im Durchschnitt 1 bis 3 Grad Celsius wärmer sind als das ländliche Umland.
Natürliche Klimaanlage im Strassenraum
Bäume wirken dieser Entwicklung auf mehreren Ebenen entgegen. Am sichtbarsten ist der Schatten, den ihre Kronen spenden. Ebenso wichtig ist aber auch die Verdunstungskühlung: Über ihre Blätter geben Bäume Wasser an die Umgebung ab. Bei diesem Vorgang wird der Umgebung Energie entzogen, was zu einer Abkühlung der Luft führt. Ein Baum kann für diesen Prozess bis zu 500 Liter Wasser pro Tag verbrauchen.
Untersuchungen zeigen ausserdem, dass beschattete Flächen im Sommer um 11 bis 25 Grad Celsius kühler sein können als unbeschattete Oberflächen. Neuere klimatologische Forschungen weisen zudem darauf hin, dass nicht nur Baumaterialien, sondern auch Landschaftsstruktur und lokales Klima darüber entscheiden, wie stark sich Städte aufheizen.
In feuchten Regionen etwa kann Wärme aus dicht bebauten Gebieten schlechter in die Atmosphäre abgeführt werden als aus vegetationsreichen, ländlichen Räumen. Ein Effekt, der die Bedeutung von Bäumen und durchlässigen Grünflächen zusätzlich unterstreicht, wie Forschende der Nanjing University im Fachmagazin Nature erklären.
Stadtbäume als Filter und Lebensraum
Neben der Temperaturregulierung beeinflussen Bäume auch die Luftqualität. Ihr Blattwerk kann Feinstaub und andere Schadstoffe aus der Luft filtern. Zudem binden Bäume Kohlendioxid und produzieren Sauerstoff. Diese Leistungen tragen messbar zu einem gesünderen Stadtklima bei.
Stadtbäume bilden aber auch Lebensräume, die eine bemerkenswerte Artenvielfalt beherbergen. 45 Prozent der einheimischen Gefässpflanzenarten und bis zu 67 Prozent der einheimischen Tierarten leben hier, wie das Bundesamt für Umwelt (BAFU) im Bericht «Biodiversität und Ökosystemleistungen von Stadtbäumen» schreibt. Auch international zeigt sich diese ökologische Rolle: Gemäss World Economic Forum leben mehr als 20 Prozent der weltweiten Vogelarten und zahlreiche Insektenarten in urbanen Baumbeständen. Viele davon sind direkt auf Bäume als Nahrungsquelle und Brutstätte angewiesen.
Im dicht bebauten Stadtraum übernehmen Pflanzstrukturen zudem eine Vernetzungsfunktion. Entlang von Gewässern oder Wegen bilden sie zusammenhängende Grünräume, die Lebensräume verbinden und Pflanzen und Tieren eine weitgehend barrierefreie Ausbreitung ermöglichen.
Trotzdem nimmt die urbane Baumkronenfläche weltweit ab. In den letzten Jahren gingen gemäss dem US-amerikanischen Departement für Agrikultur im Durchschnitt rund 40’000 Hektaren städtischer Baumbestand pro Jahr verloren. Hinzu kommen erschwerte Standortbedingungen: In vielen Städten sind die Böden stark verdichtet, und der Wurzelraum ist durch Werkleitungen, Tiefgaragen und geringe Tragschichten eingeschränkt. Ist die Versorgung mit Wasser, Sauerstoff und Nährstoffen unzureichend, geraten Bäume unter Stress, was ihre Vitalität und ihre ökologische Leistung beeinträchtigt.

Urban Forestry: Bäume strategisch planen
Vor diesem Hintergrund gewinnen integrative Ansätze an Bedeutung. Initiativen im Bereich Urban Forestry verfolgen das Ziel, den Baumbestand in Städten langfristig zu sichern und weiterzuentwickeln. Ein häufig zitierter Orientierungsrahmen ist dabei die 3-30-300-Regel des niederländischen Stadtförsters Cecil Konijnendijk: Demnach sollte jede Person von ihrer Wohnung aus mindestens drei Bäume sehen können, im Quartier sollten rund 30 Prozent der Fläche von Baumkronen bedeckt sein, und der nächste Park oder Wald sollte maximal 300 Meter entfernt liegen, heisst es in einem Artikel des Bundesamts für Umwelt.
Internationale Programme wie die Trees in Cities Challenge der UNECE versuchen diese planerischen Leitlinien in die Praxis umzusetzen. Integrative Ansätze sind aber auch in der Schweiz seit längerem Teil der Stadtentwicklung. ArboCityNet etwa will das Management von Stadtbäumen und städtischen Wäldern verbessern, Wissen austauschen und gemeinsame Projekte entwickeln, um das Grün in Städten langfristig zu stärken.Ein anderes Beispiel ist Grün Stadt Zürich, die neben Pflege und Unterhalt auch planerische Aufgaben übernimmt. Mit der Fachplanung Hitzeminderung werden gezielt Massnahmen entwickelt, um Überwärmung zu reduzieren, hitzegeplagte Quartiere zu entlasten und das städtische Kaltluftsystem zu stärken. Der Erhalt grosser, alter Bäume spielt dabei eine zentrale Rolle für das Mikroklima wie auch für die Biodiversität im Siedlungsraum
Bäume ausserhalb der Stadt
Auch ausserhalb der Städte spielen Bäume eine zentrale Rolle. In der Schweiz hat die Agroforstwirtschaft eine lange Tradition, etwa in den Kastanienhainen des Tessins, den Wytweiden im Jura oder den Hochstamm-Obstgärten. Heute rücken solche Systeme wieder in den Fokus, weil sie wichtige Ökosystemleistungen erbringen. Bäume können die CO₂-Bilanz der Landwirtschaft verbessern, die Resilienz von Landschaften erhöhen und dazu beitragen, das Risiko von Ernteausfällen infolge von Hitzeperioden und Dürren zu verringern.
Der langfristige Erhalt und die gezielte Förderung von Bäumen sind zentrale Bausteine für den Umgang mit Klimawandel und Biodiversitätsverlust. Internationale Organisationen ordnen diese Rolle inzwischen auch entwicklungspolitisch ein: Urbane Bäume können gemäss World Economic Forum zur Erreichung von 15 der 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen beitragen – von Gesundheit über Klimaschutz bis hin zu sozialer Teilhabe.